Der Katalog der Zukunft - Welche Möglichkeiten bietet das I-Pad?


Der Versandhandel hat das I-Pad für sich entdeckt. Wer will, kann jetzt direkt vom Sofa aus in den Online-Shops der Versandhändler blättern. Und drauflos bestellen. Das Gerät kann aber noch viel mehr - vorausgesetzt, es wird mit clever ausgetüftelten Apps bestückt.

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Eigentlich dürfte es den Katalog aus Papier gar nicht mehr geben. Schließlich lässt sich im digitalen Zeitalter alles kleinpixeln und bequem und vergleichsweise kostengünstig auf den Monitor bringen. Außerdem war Einkaufen noch nie so bequem: Einfach den Computer hochfahren, zwei, drei Mal geklickt und schon befindet sich jeder, der will, in der allerschönsten Einkaufswelt, die sich mit den entsprechenden Filmchen auch noch multimedial aufpeppen lässt. Gut, mit Laptop auf dem Sofa lümmeln ist nicht, womöglich noch mit einer Butterstulle in der Hand. Aber spätestens seit Steve Jobs dieses Mittelding zwischen Handtelefon und Klapprechner, kurz I-Pad, auf den Markt gebracht hat, scheint auch das möglich zu sein, denn Apples Tablet-Computer ist ein Endgerät, das ganz ohne Mausgeklicke am Schreibtisch ins Internet kommt. Oder wie Piet Drecoll, Account Director von Artundweise, einer Bremer Agentur für digitale Kommunikation, sagt: Bislang hat es zwischen Stöbern und Kaufen immer einen Medienbruch gegeben.« Doch damit ist jetzt Schluss.

Inspirieren, involvieren, animieren
»Revolution«, rufen die einen, »erst einmal abwarten«, die anderen. Tatsache ist, dass einige Versandhändler die schicken Tablet-Computer bereits als zusätzlichen Vertriebskanal für sich entdeckt haben. Bestes Beispiel: Otto. Kaum gab es das I-Pad auch auf dem deutschen Markt zu kaufen, launchte der Versandhändler seinen Home-Affaire-Katalog als I-Pad-App. Warum noch lange zuwarten? »Wichtig war uns«, so Thomas Schnieders, Direktor neue Medien bei Otto, »den I-Pad-Nutzern frühzeitig zu zeigen, dass wir auch in diesem Kanal unterwegs sind« (siehe Interview auf Seite 55). Schließlich gehe es im Versandhandel ja vor allem darum, Nutzer zu inspirieren, zu involvieren und zum Kauf zu animieren. Kaum ein anderes Medium scheint das besser zu können als der Tablet-Computer. Denn er ist transportabel und nutzerfreundlich wie ein Katalog, bietet dazu jede Menge multimediale Elemente, um aus einem ganz gewöhnlichen Einkauf ein spannendes Shopping-Erlebnis zu machen, und anders als beim Handy ist sein Bildschirm groß genug, um Produkte auch wirklich in Szene zu setzen. Und nicht in ein viel zu kleines Display zu quetschen. Aktuell ist er obendrein. So viel Multifunktion stimmt auch andere Versandhändler euphorisch: Ja, so Carel Halff, Vorsitzender der Weltbild-Geschäftsführung, das I-Pad sei ein faszinierendes Gerät mit tollen Anwendungsmöglichkeiten. »Ich bin mir sicher, es wird sich durchsetzen und für Weltbild große Chancen bieten.« Auch Jens Kreklau, bei Globetrotter unter anderem fürs Online-Marketing zuständig, kommt ins Schwärmen: Das I-Pad sei das erste Medium überhaupt, das in Sachen Darstellung an den Katalog rankomme und darüber hinaus noch weitere Vorteile mit sich bringe. Kein Wunder, dass Globetrotter seinen Hauptkatalog, das Handbuch, bereits auf das I-Pad gebracht hat - gut bestückt mit jeder Menge Features: Weitergeblättert wird per Fingerstreich, während ein Tipp mit zwei Fingern eine Detailsuche in den Vordergrund bringt, die direkt in den Web-Shop verlinkt. Und durch den Einsatz von sogenannten Imagemaps ist es möglich, durch das einfache Antippen von Bildern den Bestellvorgang zu aktivieren. Auch interessant: Dass sich der Katalog auf Berührung ganz schnell personalisieren lässt. »Es ist möglich, Themen oder Marken vorab auszugrenzen«, so Kreklau. 7.000 Mal wurde das I-Pad-taugliche Handbuch bereits heruntergeladen. Und Globetrotter arbeitet bereits an der nächsten Version. Die sei dann mit einem schnelleren Blättermechanismus und einer Volltextsuche ausgestattet.

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Noch ist das I-Pad ein Luxusgut
Bei so viel technischer Raffinesse stellt sich die Frage, welche Daseinsberechtigung der gedruckte Katalog noch hat. »Den wird es auch noch in 20 Jahren geben«, glaubt Kreklau. Aber vielleicht müsse er künftig nicht mehr in so hoher Auflage gedruckt werden. So ließe sich jede Menge Geld sparen. Aber noch ist das I-Pad nicht im Massenmarkt angekommen. Was für ein Unternehmen wie Ikea Grund genug ist, mit dem I-Pad erst einmal keine Experimente zu starten, sondern abzuwarten. Laut einer im Mai durchgeführten Forsa-Umfrage zeigten sich 23 Prozent der befragten Deutschen am neuen Tablet-PC von Apple interessiert, vier Prozent wollen ihn sich unbedingt kaufen und 19 Prozent wollen ihn erst einmal testen und dann entscheiden. Und das ist erst der Anfang, denn, so viel steht fest, das mobile Internet ist auf dem Vormarsch. Bestes Beispiel: Das Smartphone. Immerhin sind sich über 22 Prozent der Deutschen sicher, dass sie 2012 ein Smartphone besitzen werden, das hat die von TNS Infratest, dem Trendbüro, der Otto-Group und Google aufgelegte Studie »Go Smart 2012: Always-in-touch« ergeben. Mal sehen, was wird. Ob Geräte wie das I-Pad gekauft werden, hängt nicht zuletzt davon ab, wie viel sie kosten. Noch ist das I-Pad ein Luxusgut. »Wenn jedoch adäquate Konkurrenzprodukte auf den Markt kommen und sich die Preise nach unten bewegen, könnte es für Versandhändler ein spannendes Modell sein, ihren Katalog im Bundle mit einem Tablet auszuliefern«, sagt Piet Drecoll, Account Director bei Artundweise, der Bremer Agentur für digitale Kommunikation. Sabine Klein, Referentin für digitales Marketing und innovative Vertriebsstrategien beim Bundesverband des Deutschen Versandhandels, glaubt, dass das I-Pad den Katalog ergänzen, aber nicht ersetzen wird. Ihr Argument: »68 Prozent der Online-Käufer nutzen zur Information nach wie vor den gedruckten Katalog. Somit ist der Katalog ein wichtiges Element der Anstoßkette vor dem Online-Kauf. Mit dem I-Pad wird dieser Effekt wahrscheinlich noch verstärkt werden, da das Gerät den Online-Kauf vereinfacht.« Allerdings nur dann, wenn Anwendungen für I-Pad & Co. komplett neu aufbereitet und dann erst aufs Tablet gebracht werden. »Bloß nicht die geübten Printinhalte zum Maß aller Dinge erklären«, rät Bernd Arnhold, Geschäftsführer der Augsburger Dialogmarketingagentur Kommdirekt. Denn die App eines Versandhändlers sollte nicht nur der Katalog sein, sondern darüber hinaus auch Services anbieten, wie Social-Shopping-Elemente (Produktempfehlungen, Merklisten) oder sogenannte Location-Based-Services (lokale Angebote, Warenverfügbarkeitsanzeigen, Hinweis auf die nächstgelegene Filiale). »Darin liegen die echten Chancen des Geräts«, dessen ist sich Arnhold sicher: »Ein begeisterter Erfahrungsbericht, eine interaktive Produktanwendung, eine Nutzerempfehlung könnten doch die Lücke zwischen eindimensionalem Print und multimedialem I-Pad schließen.«

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Mehr als ein Katalog
So auch Referentin Klein: »Services wie diese stellen besonders für die Multi-Channel-Versender einen echten Wettbewerbsvorteil dar.« Hinzu komme, dass sich mit Endgeräten wie dem I-Pad neue Kundensegmente für den Online-Handel erschließen lassen, Menschen mit hohem Mobilitätsgrad zum Beispiel und auch ältere Menschen. Aber vor allem die Digital Natives, für die die neuen Kommunikationstechnologien, kaum dass sie auf dem Markt sind, schnell zur Selbstverständlichkeit werden. So versucht Otto bereits über Themen rund um Fashion und Lifestyle mit der jungen Generation ins Gespräch zu kommen - über Facebook oder eben mit der Home-Affaire-App für das I-Pad. Denn nur wer seine Kunden kennt, kommt auch an sie heran. Und verkauft. Geräte wie das I-Pad können dabei helfen. Dazu Cornelia Lamberty, Vorstandsvorsitzende der Trierer Mediaagentur Moccamedia: »Über das I-Pad lassen sich aufgrund tatsächlich getätigter, aktueller Einkäufe und Interessen präzise Kundenprofile erstellen.« Und über das Tracking von Nutzerverhalten Angebote optimieren. Ausgereift sei all das aber noch nicht, so Kommunikationsexperte Drecoll: »Um über gesicherte Erkenntnisse und Erfahrungen zu sprechen, ist es jetzt noch zu früh.« So viel Potenzial, so wenig Kritik? Aber es gibt sie, die Menschen, denen der Hype ums I-Pad ganz gehörig auf die Nerven geht. Andre Morys zum Beispiel, Vorstand und Senior Consultant von Web Arts, einem auf E-Commerce-Optimierung spezialisierten Beratungsunternehmen mit Sitz in Bad Homburg. Seiner Meinung nach ist der Hype das Resultat hervorragender Marketingarbeit bei Apple. Weiter nichts. Seine tatsächliche Bedeutung im Alltag müsse das Konzept erst noch beweisen, findet Morys. »Im besten Fall schafft es Online-Shopping auf das Sofa, von revolutionären Shopping-Konzepten sind wir allerdings noch meilenweit entfernt.« Was bislang an Shopping-Anwendungen auf das I-Pad gebracht wurde, hat Morys jedenfalls noch nicht überzeugen können, vielen fehle nicht nur die nötige Relevanz, sondern auch jeder Bedienkomfort, eine leistungsfähige und einfach zu bedienende Suchfunktion etwa, eine Vergrößerungsfunktion oder ein gut platzierter Warenkorb-Button (siehe Checkliste Seite 53). Nein, nichts sei einfacher zu bedienen als ein Buch oder ein Katalog. Möglich, dass die Tablet-Computer und mit ihnen das I-Pad noch etwas Zeit brauchen, um sich zu entwickeln und ihren Platz im Kommunikationsvielerlei zu finden. Wenn nicht heute, dann bestimmt morgen oder übermorgen.

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